Friedrichsfelde, Berlin. Durch Friedrichshain führt die U 5 direkt in den Stadtteil hinter Lichtenberg. Wer meint, Lichtenberg sei bestimmt von heruntergekommenen Ost-Platten und urbaner Tristesse, war noch nie in Friedrichsfelde. „Schloss Friedrichsfelde“ verspricht der blaue Wegweiser für Sehenswürdigkeiten dennoch. Doch erst geht es vorbei an leerstehenden Häusern und Grünflächen, auf denen Müll umzäunt ist. Der obligatorische Fernseher, der in Berlin bei keinem Abfall-Stillleben fehlen darf, steht neben einem rostigen Maschinenteil und Plastikmüll. Drumrum ein Zaun – inmitten der gemähten Grünfläche.

„Russishe Spezialitäten“ bewirbt eine Ecke weiter ein Russenshop. Während ich noch überlege, wie ich am dezentesten den charmanten Tippfehler in der Riesen-Leuchtreklame fotografiere, schiebt sich eine Frau mit einem Rollator an mir vorbei.

Die August-Kowalke-Straße mäandert zwischen Leerstand und Baustellen in eine Sackgasse. Verlassene Kitas, Spätis, die mit Cocktail-Angeboten locken, und eine Pennerin, die auf einer Bank schläft, weisen mir den Weg zum Gesundheitsamt Lichtenberg. Als ich schon denke falsch zu sein, weil eine öffentliche Behörde unmöglich in einer dieser Plattenbauten untergebracht sein kann, sehe ich über einem Eingang den Hinweis auf das Gesundheitsamt. Ein paar Stufen muss der Besucher erklimmen, um in den dunklen Amtsflur zu gelangen. Die Ausschilderung für die „Rote Karte“ ist dann erstaunlich gut, auf den ersten Blick entdecke ich die richtige Zimmernummer.
Beim Gang den Flur entlang bemerke ich schnell – ich hätte gar nicht so genau zu schauen brauchen, sondern mich einfach an der langen Schlange anstellen. Hier stehen wir also: Mini-Jobber, Selbstständige, Kellnerinnen, Döner-Männer, Schüler, Aushilfen, Asis, Hipster, Normalos, Berliner Gören, Pankower Bratzen, Zugereiste – und wollen mit der Roten Karte unseren Eintritt ins Gastrogewerbe erhalten. Denn in Berlin kann man in einem lebensmittelverarbeitenden Betrieb nur mit der Roten Karte tätig werden, egal ob es sich ums Kiezcafé oder eine Großküche handelt. Am Ende der Schlange wartet ein kleiner Verschlag mit einer winzigen Durchreiche. Durch die stecke ich einer Mitarbeiterin meinen Personalausweis entgegen sowie 20 Euro. Soviel kostet die Rote Karte. Doch vor der Roten Karte kommt der wichtige Teil – die Erstbelehrung.

Es geht für unseren Tross in einen der beiden Schulungsräume. Es warten 20 Stühle vor einem Pult, ein Fernseher und jede Menge gelangweilter Gesichter. Und dann betritt sie den Raum – die Dame vom Amt, unsere Lehrerin für die nächste Stunde, die Frau, die uns den Weg in die Gastro ermöglicht. Amazonenhaft wehen ihre langen blondierten Haare um ihre Schultern, ihre Sommertunika vereint alle Farben dieser Welt, die weiten Ärmel umflattern ihre Arme, die Beine stecken in pfirsichfarbenen Jeggins, Leggins, Jeansröhre – egal, jedenfalls in sehr engen Hosenbeinen.
„Ick fang denn mal an“, beginnt sie ihren Vortrag. Das Merkblatt habe sie uns ja schon gegeben, das sollten wir uns in Ruhe durchlesen. „Wenn ick det vorlese, hört sowieso keener zu“, lässt sie uns an ihrem jahrelangen Wissensfundus teilhaben. Es folgt ein kurzer Monolog, in dem hauptsächlich der Arbeitgeber sehr schlecht wegkommt. Vor dem müssen wir uns alle in Acht nehmen, denn er will uns davon abhalten, die Hygienevorschriften einzuhalten, bei einer Erkrankung daheim zu bleiben und wird uns sowieso nur Unsinn über den Umgang mit der Roten Karte erzählen. „Und wenn sie innerhalb der nächsten Monate im lebensmittelverarbeitenden Betrieb arbeiten, dann gilt die Karte ein Leben lang“, erklärt die Amts-Amazone und hält dabei die Rote Karte hoch. Sie schaut in die Runde und raunt noch einmal, wiederholend, verklärend, eins mit der Welt und dem Universum: „Ein Leben lang.“

Während ich noch überlege, ob ich das als Drohung verstehen soll oder als Erlösung, nehme ich das begehrte Stück Papier in Augenschein. Es ist nur etwa DIN-A-5-Format groß, eher blass- als signalrot, aber es wird uns lange begleiten, denn – es gilt ja ein Leben lang. Was wir dafür tun müssen? Hier sitzen, zuhören, einen Film sehen, 20 Euro zahlen und gehen. Klingt fair.

Die Amazone will jetzt den Film starten, der uns Wichtiges über den Umgang mit Lebensmitteln lehren soll. „Ick hab da mal ne Frage“, schießt es aus dem Publikum von einer Frau um die 40 in einer blassrosa-blassblau-blassbeige gestreiften Bluse, „vielleicht kann ich dann nämlich auch gleich gehen. Ich hab die Karte 1997 gemacht. Gilt die noch?“ Die Amazone überlegt kurz. „Warten Sie mal – 97… Da musste man noch Stuhlproben abgeben…“-„Hab ich jemacht“, berlinert die gestreifte Bluse. Die Amazone hält inne, in ihren Augen blitzt es: „Ja aber – EINE oder ZWEI Stuhlproben?“ Sie unterstreicht ihre Worte mit dem Heben zweier Finger. Die Bluse überlegt: „Na, zweie.“ Die Amazone resigniert. „Dann ist die Karte ihr Leben lang gültig.“ Die Bluse triumphiert, erhebt sich und verlässt den Raum. Wir schauen ihr hinterher. Eine Heldin mit zwei Stuhlproben.

Für uns noch nicht Kartenbesitzer soll es nun auch weitergehen. Die Amazone wedelt mit der Fernbedienung und startet den Film. Kurz zuvor sagt sie: „Wenn sie hinterher Fragen haben, dann fragen Sie ruhig. Ich habe das aber in all den Jahren nie erlebt, insofern sage ich Ihnen jetzt einfach ‚Auf Wiedersehen‘ und: Bleiben Sie gesund.“
Sie drückt den Knopf, der Film läuft, die Tür schließt sich. Wir sind alleine – in der Welt der Roten Karte, der Bakterien und der Köche, die sich nach dem Stuhlgang die Hände nicht waschen. Wobei ich die einzige zu sein scheine, die den Film gebannt aus der ersten Reihe verfolgt. Alle anderen sind damit beschäftigt, Nachrichten auf ihren Smartphones zu schreiben, Zeitung zu lesen oder sich einfach an der Nagelhaut zu pulen. Ich tauche ab in die Geschichte um Manfred, den Koch. Er bekam Salmonellen, fiel lange aus, durfte nicht arbeiten, doch jetzt zieht er sich wieder die Kochuniform an und beginnt seine Schicht, Gott sei Dank.

Eine Lebensmittelhygiene-Expertin warnt im Film immer wieder vor ungewaschenen Händen, ungekühlten Eierspeisen und alltäglichen Nachlässigkeiten.
Nach einer Stunde ist der Film vorbei. Der Abspann beginnt. Ich bin begeistert, ob dieser großartigen Dramaturgie und will fast klatschen – die herausströmende Menge der anderen Teilnehmer holt mich jedoch schlagartig nach Berlin-Friedrichsfelde zurück. Ich schließe mich der gelangweilten Gruppenflucht an und bekomme sie endlich auch ausgehändigt. Meine Rote Karte. Meine Begleiterin – ein Leben lang! Sie wird länger an meiner Seite bleiben als so mancher Lebenspartner, als meine Katze und meine Lebensversicherung.

Ich lasse den Gesundheitsamts-Plattenbau hinter mir und entdecke am Ende der Straße einen Netto-Supermarkt. Ich kehre ein, ich bin hungrig geworden, ein Snack muss her – in meiner Tasche spüre ich die Gewichtigkeit meiner Roten Karte. „Du hast eine Funktion – du bist hier, um die Hygienevorschriften zu ehren!“, scheint sie zu sagen. Kurz bevor ich den Supermarkt betrete, entdecke ich zwei stark alkoholisierte Penner auf einer kleinen Mauer vor dem Gebäude. Sie lallen in einer osteuropäischen Sprache, vielleicht Polnisch? Nein, diese Menschen haben nicht so eine ehrenvolle Aufgabe wie ich, denke ich noch. Da sehe ich es, aus dem Augenwinkel, erschrocken, zusammenzuckend: Der Ältere von ihnen wedelt mit ihr durch die Luft, blassrot, DIN-A-5, unverkennbar – eine Rote Karte. Und sie wird ihn genau wie der Fusel und die Polyesterhemden begleiten – ein Leben lang. Ich betrete den Netto, kaufe ein Billigbier in einer Plastikflasche und setze mich zu den beiden. Eine Rote Karte will gefeiert werden.

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